Verrenkungen & Verstauchungen

Verrenkung (Luxatio), das Ausweichen eines beweglichen Knochens aus seiner Gelenkverbindung, kommt als angebornes Übel [...] vor, in einzelnen Fällen entsteht sie spontan bei Gelenkkrankheiten, in der weitaus größten Mehrzahl der Fälle entsteht sie als traumatische durch äußere Gewalteinwirkung. Die Verrenkung wird als eine vollständige oder unvollständige bezeichnet, je nachdem die Gelenkflächen in gar keiner Berührung mehr miteinander stehen oder zum Teil noch miteinander zusammenhängen. 

An die unvollständige Verrenkung schließt sich die Verstauchung an, bei welcher die Gelenke zwar voneinander abgewichen, aber durch die natürliche Zusammenziehung der Gelenkbänder und Muskeln von selbst wieder in die richtige Lage gebracht worden sind. An den Kugelgelenken, wie an der Schulter, Hüfte, ist die Verrenkung meist eine vollständige, an den Scharniergelenken, wie am Fuß, Knie, Ellbogen, meist eine unvollständige. Einfach heißt eine Verrenkung, wenn keine anderweite Verletzung oder Erkrankung des betreffenden Gliedes, wie Verwundung, Quetschung, Knochenbruch, Entzündung, Eiterung etc., damit verbunden ist, kompliziert dagegen, wenn letzteres der Fall ist. Man erkennt eine Verrenkung an der ganz fehlenden oder wenigstens sehr verringerten Beweglichkeit des verrenkten Gliedes, besonders aber an den anatomischen Veränderungen desselben, welche von außen sichtbar oder fühlbar sind, indem die Gelenkhöhle oder Pfanne durch das Ausweichen des Gelenkkopfes leer und der letztere an einer andern Stelle befindlich ist, das verrenkte Glied daher entweder zu lang oder zu kurz, durch den Zug der gezerrten Muskeln gebeugt oder verdreht erscheint.

Quelle:
Meyers Konversations-Lexikon, 1888; Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892; 16. Band: Seite 151